von Sebastian Schwiecker

Wie alle Lebensbereiche sind auch Hilfsorganisationen und deren Begünstigte von der Coronavirus- bzw. COVID-19-Pandemie betroffen. Zum einen müssen natürlich auch Spendenorganisationen Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen und dafür sorgen, dass diese nicht selber zur Verbreitung des Virus beitragen. Außerdem stehen sie aufgrund von Reisebeschränkungen und der Unterbrechung internationaler Lieferketten bei der Verteilung von Medikamenten oder anderen Hilfsgüter vor teilweise großen Herausforderungen. Zum anderen hat sich natürlich auch die Situation der Menschen geändert, denen sie eigentlich helfen wollen. Und auch die Bereitschaft und die Notwendigkeit, sich mit Themen wie dem Klimawandel oder dem Tierschutz auseinanderzusetzen, hat sich geändert.

Wir von effektiv-spenden.org haben daher in den letzten Wochen mit vielen der von uns empfohlenen Organisationen gesprochen und stehen im Austausch mit den Institutionen, auf deren Evaluierungen wir uns beziehen. Am direktesten sind sicherlich die in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen Hilfswerke betroffen.

So hat die Against Malaria Foundation auf ihrer News-Seite sehr ausführlich darüber berichtet, welche Herausforderungen das neue Coronavirus mit sich bringt. Beispielsweise mussten Anfang des Jahres zwei in Asien beheimatete Hersteller von Moskitonetzen ihre Produktion unterbrechen. Da die Produktion dort  glücklicher Weise inzwischen wieder angelaufen ist, scheint dies aber kein limitierender Faktor mehr zu sein. Aufgrund von Reisebeschränkungen konnten aber bereits im März Beobachtungen zur Nutzung der Moskitonetzen nicht wie geplant durchgeführt werden. Dies ist inzwischen in mehreren Ländern, teilweise auch aufgrund von Ausgangsbeschränkungen, der Fall. Die Verteilungsaktionen sind bisher noch nicht zum Erliegen gekommen, wobei es auch hier Änderungen gibt. Beispielsweise werden Moskitonetze nicht wie bisher an zentralen Punkten ausgegeben, sondern man ist dazu übergegangen, von Tür zu Tür zu gehen, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden

Aktuell geht die Against Malaria Foundation wie die Weltgesundheitsorganisation davon aus, dass das Risiko an Malaria zu sterben, kurzfristig steigen wird. Hintergrund ist, dass die Gesundheitssysteme in den Ländern, in denen die Hilfsorganisation arbeitet, ohnehin schon unzureichend ausgestattete sind und durch eine mögliche Doppelbelastung noch weniger Malariapatienten versorgt werden könnten. Dazu kommt, dass Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, nicht mehr wie bisher mit weiteren Familienangehörigen unter dem gleichen Moskitonetz schlafen, sondern sich isolieren sollten und dafür ein eigenes, zusätzliches Netz benötigen. Aus diesem Grund bittet die Organisation um zusätzliche Spenden, um sowohl den momentan höheren Kosten als auch dem höheren Bedarf gerecht zu werden.

Das von uns empfohlene Malaria Consortium geht hier ebenfalls auf die Notwendigkeit ein, gerade jetzt im Kampf gegen Malaria nicht nachzulassen, um nicht zusätzliche Menschenleben zu riskieren. Aktuell bereitet es sich auf die im Juli in Nigeria, Tschad und Burkina Faso beginnende Hochsaison für Malariainfektionen vor, indem man beispielsweise Vorräte präventiver Malariamedikamente anlegt. In Uganda arbeitet das Malaria Consortium außerdem mit dem Gesundheitsministerium und weiteren lokalen Partnern zusammen, um die Bevölkerung über die von COVID-19 ausgehenden Gefahren und die diesbezüglich empfohlenen Verhaltensänderungen aufzuklären.

Auch die hinter dem Deworm the World Programm stehende Organisation Evidence Action ist von der Corona-Pandemie betroffen. Auch sie steht vor großen logistischen Herausforderungen, da sie u.a für Entwurmungstabletten auf weltweite Lieferketten angewiesen ist und diese Tabletten momentan nicht mehr wie bisher über Schulen verteilt werden können, da diese in vielen Teilen der Welt geschlossen sind. Auf der anderen Seite hat sich die Organisation in den letzten Jahren ein enormes Wissen angeeignet, wie Regierungen dabei unterstützt werden können, Medikamente an Millionen von Menschen, auch im ländlichen Raum, zu verteilen und die dortige Bevölkerung über die Notwendigkeit und die korrekte Art der Einnahme aufzuklären. Aktuell prüft man, wie dieses Wissen genutzt werden kann, um auch im Kampf gegen das Coronavirus helfen zu können. Darüber hinaus versucht man andere Programme auszubauen, bei denen es nicht mehr nur um den Zugang zu sauberem Wasser, sondern inzwischen auch zu Seife geht. So bekommen auch die ärmsten Menschen die Chance, sich durch grundlegende Hygienemaßnahmen zu schützen.

Das gesamte GiveDirectly-Team in Kenia arbeitet, wie auch der hier abgebildete Evans, inzwischen im Homeoffice.
Das gesamte GiveDirectly-Team in Kenia arbeitet, wie auch der hier abgebildete Evans, inzwischen im Homeoffice. © GiveDirectly

Einen etwas anderen Weg geht die ebenfalls von uns empfohlene Organisation GiveDirectly, welche sich darauf spezialisiert hat, Menschen in extremer Armut mit bedingungslosen Geldtransfers zu unterstützen. Zwar war es auch hier notwendig, die eigene Arbeit an die neue Situation anzupassen. So arbeitet man zum Beispiel gerade an der Implementierung eines automatisierten SMS-Registrierungsprozesses für neu ausgewählte Empfänger. Aber ansonsten konzentriert man sich darauf, die eigenen Ressourcen einzusetzen, um die indirekten, wirtschaftlichen Folgen für besonders arme Menschen abzufedern. Gerade in Entwicklungsländern sind diese vom plötzlichen Zusammenbruch ganzer Wirtschaftszweige hart getroffen. Aufgrund der oftmals unzureichenden sozialen Sicherungssysteme führt das nicht, wie in reicheren Ländern, zu einem Kampf um Klopapier. Es geht darum, überhaupt etwas zu Essen zu bekommenAus diesem Grund hat GiveDirectly bereits im April, zusätzlich zu den bestehenden Programmen in ländlichen Regionen, ein neues Projekt in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, gestartet. Denn man geht davon aus, dass Ballungsräume besonders unter den Folgen der Coronavirus-Pandemie leiden werden. Ganz konkret will man hier zusammen mit der kommunalen Verwaltung und bereits vor Ort arbeitenden Nichtregierungsorganisationen jugendliche Slumbewohner mit direkten und bedingungslosen Geldzahlungen unterstützen.

Deutlich indirekter betroffen ist der auf effektiv-spenden.org ebenfalls thematisierte Bereich des Klimaschutzes. Zwar hat uns die Coalition for Rainforest Nations auf einen Report der Weltgesundheitsorganisation aufmerksam gemacht nachdem das Abholzen von Wäldern die Entstehung von Pandemien befördern kann, aber wenn es um den eigentlichen Ausstoß von Treibhausgasen geht, könnte man im ersten Moment davon ausgehen, dass zumindest hier die Folgen des Coronavirus positiv sind. So schätzt der finnische Umweltwissenschaftler, dass allein in China die CO2-Emissionen im Februar 2020 um 25% unter denen des Vorjahres lagen. Derartige Erkenntnisse haben dazu geführt, dass die taz die Frage gestellt hat, ob Corona das Klima rettet. Leider kommt der Artikel, ähnlich wie wir, zu einer negativen Einschätzung.  Es ist zu erwarten, dass ein großer Teil der wirtschaftlichen Aktivität in den nächsten 6 bis 18 Monaten auf ein ähnliches Niveau wie vor der Krise zurückkehrt und es in einigen Bereichen sogar zu Nachholeffekten kommt. Zudem  wird bereits jetzt von politischen Akteuren in Deutschland gefordert, bisherige Umweltschutzmaßnahmen zugunsten der Wirtschaft zurückzudrehen. In den USA ist man da schon einen Schritt weiter. Dort hat die Trump-Regierung die Einführung von Effizienzstandards für die Automobilindustrie zurückgenommen, welche als eine der wichtigsten Klimaschutzmaßnahmen des Landes galt. Nachrichten wie diese haben uns darin bestätigt, wie wichtig es ist, beim Klimaschutz Organisationen zu unterstützen, die sich für einen politischen und technologischen Wandel einsetzen.

So hat die von uns empfohlene Clean Air Task Force bereits Erfahrung darin, die Trump-Regierung bezüglich der Rücknahme von Umweltauflagen zu verklagen. Und die ebenfalls von uns empfohlene Information Technology and Innovation Foundation (ITIF) hat gerade auf Bitte eines überparteilichen Komitees des US-Repräsentantenhaus Empfehlungen ausgesprochen, wie Investitionen in CO2-arme Energieerzeugung Teil künftiger Konjunkturprogramme werden könnte. Gerade nachdem auch das Jahr 2020 wieder mit Rekordtemperaturen und -trockenheit begonnen hat, erscheint es wichtiger denn je, auch diese Kurve abzuflachen und die genannten Organisationen mit Spenden zu unterstützen.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie für den Bereich Tierschutz ist aktuell besonders schwer einzuschätzen. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass der Konsum von Fleisch- und Fischprodukten zum Beispiel in China zuletzt stark gesunken ist. Es ist aber noch zu früh, um sagen zu können, mit welchen langfristigen Folgen zu rechnen ist. Ein Mitarbeiter des Good Food Institute hat uns gegenüber die Hoffnung geäußert, dass künftig auch die indirekten Gesundheitsrisiken des massenhaften Konsums von Tierprodukten mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. So könnten einerseits Wildtiermärkte eine entscheidende Rolle beim Ausbruch des Coronavirus gespielt haben. Andererseits zirkulieren in der modernen Massentierhaltung praktisch ständig auch für den Menschen potentiell gefährliche Viren. Und in der Tat gibt es zurzeit mehrere Ausbrüche der Vogelgrippe in Geflügelfarmen in China, Indien, Deutschland und den USA. Und einige dieser Viren sind weitaus tödlicher als COVID-19, wenn auch typischerweise weniger ansteckend. H5N1, das derzeit in Hühnerfarmen zirkuliert, hat eine Sterblichkeitsrate beim Menschen von 60%. Es gab aus unserer Sicht also niemals bessere Gründe, nicht nur den eigenen Konsum tierischer Produkte wenn möglich zu reduzieren, sondern auch die von uns empfohlenen,  besonders wirksamen Organisationen zu unterstützen, die sich für weniger Tierleid, bessere Haltungsbedingungen und perspektivisch für das Ende der Massentierhaltung einsetzen.

Zuletzt sei gesagt, dass wir uns, neben den Bereichen, auf denen aktuell unser Fokus liegt – da wir hier besonders viel Potential sehen, mit jedem Euro eine maximale Wirkung zu erzielen –, im Rahmen der Corona-Pandemie auch weitere Möglichkeiten anschauen, besonders effektiv zu spenden. Beispielsweise um zu verhindern, dass sich etwas Derartiges wiederholt oder es sogar zu noch schlimmeren Pandemien kommt. Hier stehen wir im Austausch mit Organisationen wie Founders Pledge, die hier eigene Analysen zu diesem Thema veröffentlicht haben und u.a. empfehlen, das Center for Health Security an der Johns Hopkins University zu unterstützen.  Und wir beschäftigen uns mit den sehr ausführlichen Analysen der Organisation 80,000 Hours.

Aktuell haben wir noch nicht entschieden, ob und wann wir dazu auch einen eigenen Bereich auf effektiv-spenden.org einrichten, können aber gerne im Rahmen einer individuellen Spendenberatung Auskunft dazu geben. 

Wir erleben gerade sehr herausfordernde Zeiten, die uns alle beschäftigen und betreffen. Wir von effektiv-spenden.org freuen uns daher umso mehr, dass auch jetzt viele Menschen gemeinsam mit uns maximal wirksam arbeitende Organisationen unterstützen, die sehr umsichtig auf die unterschiedlichsten Auswirkungen der Corona-Pandemie reagieren. Allein im April wurden mehr als 60 neue Dauerspenden eingerichtet. Das bestärkt uns in unserer Arbeit und macht uns hoffnungsvoll, dass sich in Zukunft immer mehr Menschen noch bewusster mit der Frage auseinandersetzen, wie viel und vor allem an wen sie spenden. Wir werden auch weiterhin versuchen, darauf die bestmöglichen Antworten zu finden.


Sebastian Schwiecker

Ich bin Gründer und Geschäftsführer von effektiv-spenden.org. Wenn du Fragen oder Feedback zu dem Artikel hast schreib mir einfach eine E-Mail oder ruf mich unter 0176/23570281 an. Gerne kannst du auch eine kostenlose Spendenberatung vereinbaren.