von Christoph Hartmann

In diesem Gastbeitrag schreibt Christoph Hartmann darüber, warum er spendet und wie er die Organisationen ausgesucht hat, für die er spendet. Christoph tauscht sich regelmäßig mit uns zu seinen Spendenentscheidungen aus, woraufhin wir ihn gebeten haben, seine Gedanken hier aufzuschreiben.

Vor ungefähr fünf Jahren stand ich bei Starbucks in der Schlange und wurde ein paar unbequeme Fragen nicht los: Sollte ich nicht, statt diesen Kaffee zu trinken, das Geld lieber spenden? An wen? Ja, der Kaffee ist Fairtrade, aber wäre es nicht besser stattdessen nicht-Fairtrade zu kaufen und die Differenz zu spenden? Wenn ich das Geld sowieso spende, sind Organisationen gegen Armut überhaupt die Richtigen oder sollte ich mich viel mehr für den Klimawandel einsetzen? Das scheint doch so dringend. Sind Spenden überhaupt die richtige Herangehensweise, oder sollte ich viel eher mein Konsumverhalten verändern, politisch aktiv werden, mich engagieren, versuchen das System zu ändern, statt mit dem bestehenden System zu arbeiten?

Die Fragen kamen natürlich nicht aus dem Nichts. Ich hatte kurz vorher mein Studium abgeschlossen, meinen ersten Job angefangen, und hatte auf einmal mehr Geld als ich brauchte. Das brachte Erinnerungen an das Buch „Praktische Ethik“ vom australischen Philosophen Peter Singer hervor. Er argumentiert darin, dass aufgrund des starken Wohlstandsgefälles zwischen reichen und armen Ländern, eine Spende von zum Beispiel 10% des Bruttoeinkommens an den Lebensumständen von reichen Menschen kaum etwas ändern würde, dafür aber einen enormen Effekt auf die Spendenempfänger hätte. Diese Überlegungen wirkten als Student noch relativ theoretisch, aber mit meinem ersten Job wurden sie auf einmal sehr praktisch: Zähle ich als Berufsanfänger überhaupt zu „den Reichen“, wie viel sollte ich spenden, und wie wählt man eigentlich Organisationen aus?

Heute, ungefähr fünf Jahre später, will ich meine bisherigen Überlegungen dazu zusammenfassen. Viele der Gedanken stammen aus der Bewegung des Effektiven Altruismus, die sich schon wesentlich länger und intensiver mit diesen Fragen beschäftigt.  

 

Warum ich spende: Ich gehöre zu den globalen 1%

Ich spende, weil ich glaube, dass ich mit wenig persönlichen Einbußen anderen verhältnismäßig viel helfen kann. Grundlage hierfür ist einerseits die ungleiche Verteilung von Geld auf der Welt und andererseits der abnehmende Effekt von Geld auf Zufriedenheit:

Die Ungleichheit von Geld ist offensichtlich, aber hier hilft mir speziell eine globale Brille. Wenn man in Deutschland zum Beispiel das mittlere pro-Kopf Einkommen von ca. 42.000€ (ca. 30.000€ nach Steuern) verdient, gehört man damit zu den reichsten 2% global. Man verdient dann das ca. 28-fache des mittleren Einkommens weltweit. Bei 10% netto-Spenden pro Jahr wäre man bei ca. 27.000€, und damit „nur“ noch unter den reichsten 3% global und würde „nur“ noch das 25-fache des mittleren Einkommens weltweit verdienen. Aus einer reinen Geld-Brille könnten wir ein Deutschland also einfach etwas abgeben, ohne wesentlich schlechter gestellt zu sein, aber was bedeutet das für die Lebenszufriedenheit, schließlich sind die Lebenshaltungskosten in Europa ja auch höher?

Zum Glück gibt es hierzu relativ eindeutige Daten, die über viele Studien und Länder hinweg gelten: Wenn man „Zufriedenheit“ auf einer Skala von 1 bis 10 misst, sind Menschen mit im Schnitt doppelt so hohem Einkommen je nach Land ungefähr 0.5 Punkte glücklicher. In Deutschland sind zum Beispiel Menschen mit ca. 50.000€/Jahr 7 zufrieden und erst mit ca. 100.000€/Jahr 7.5 zufrieden. In Zimbabwe hingegen korreliert eine Verdopplung von $500/Jahr auf $1000/Jahr mit einem halben Punkt mehr Zufriedenheit von ca. 4.5 auf ca. 5 Punkte. Rein theoretisch könnte eine Person in Deutschland also für 50.000€ 100 Leute in Zimbabwe 0.5 Punkte zufriedener machen und würde dafür selbst 0.5 Punkte unzufriedener werden.

Dieses kleine Rechenbeispiel soll in keiner Weise suggerieren, dass hier ein perfekter kausaler Zusammenhang besteht,[1] oder dass Geld aushändigen die beste Lösung für globale Ungleichheit ist. Was es aber zeigen soll ist, dass es ein riesiges Potential gibt: Für uns hier in Deutschland machen ein paar tausend Euro kaum einen Unterschied, für viele Menschen im globalen Süden könnte das aber einen signifikanten Zuwachs an Lebenszufriedenheit bedeuten. Nun stellt sich also die wichtige Frage: Wie kann ich spenden, um dieses Potential auch bestmöglich auszunutzen?

Wie ich spende: Eine Mischung von effektiven Organisationen

Ich will also durch mein Spenden einen möglichst großen positiven Effekt auf die Empfänger der Spende haben und mir dabei möglichst sicher sein, dass dieser Effekt auch Eintritt. Wie gehe ich also vor?

Vorne weg: In gewisser Weise ähnelt das Problem dem Geldanlegen: Hier will ich für mein Geld den größtmöglichen Gewinn bei möglichst geringem Risiko. Ähnlich wie beim Geldanlegen habe ich natürlich keine perfekte Strategie, sondern arbeite mit begrenzten Informationen, persönlichen Werten, die sich ändern, und viel Unsicherheit. Deshalb setze ich mich periodisch jedes Jahr mit der Frage auseinander, wie viel und an wen ich spenden will, und Spende andererseits im Portfolio: Statt „der besten“ Organisation alles zu geben, spende ich lieber an drei verschiedene Organisationen und minimiere so „Risiken“.

In meinem jährlichen Entscheidungsprozess beantworte ich immer die folgenden drei wichtigen Fragen: Wie viel will ich spenden, für welche Zwecke will ich spenden, und innerhalb des Zwecks an wen? Ähnlich wie beim Geldanlegen mache ich mir natürlich selbst Gedanken, ziehe aber auch die Meinungen von Analysten und Ratgebern hinzu, die wesentlich mehr Expertise auf den jeweiligen Gebieten haben.

Die erste Frage, wie viel ich spenden will, ist am Ende eine sehr persönliche und willkürliche. Trotzdem hilft es mir, dies explizit festzulegen, und nicht bei jedem Konsum wieder darüber nachdenken zu müssen. Ich habe mich für 10% meines Bruttoeinkommens entschieden, weil 10% ein Teil ist, der mich in meinem Lebensstil nicht stark einschränkt, nicht so radikal ist, dass er andere zu stark vom Nachahmen abschreckt, und trotzdem hoch genug ist, um viel zu bewirken. Ich überdenke die Zahl speziell bei Gehaltserhöhungen, weil dann eine „Einbuße“ kaum spürbar ist. Theoretisch sind in Deutschland bis zu 20% steuerlich absetzbar, wenn über eine anerkannte Organisation wie effektiv-spenden.org gespendet wird.

Die zweite Frage, für welchen Zweck ich spenden will, war für mich am Anfang relativ klar, ist seitdem aber für mich schwieriger geworden. Für mich war globale Gesundheit immer am offensichtlichsten: Hier leiden Menschen, ich habe die Mittel zu helfen, also los! Verschiedene Organisationen, zum Beispiel 80000hours.org haben einen etwas differenziertere Herangehensweise, die mir auch in meinem Denken geholfen hat. Speziell schlagen sie drei Fragen vor: Wie groß ist das Problem? Wie einfach ist es, das Problem zu lösen? Wie viele arbeiten schon daran / was wäre der Effekt von zusätzlichen Spenden? Angewandt auf globale Gesundheit würde ich sagen, dass es ein sehr großes Problem ist, das verhältnismäßig einfach zu lösen ist, an dem zwar schon viele Leute mit vielen Spenden arbeiten, diese aber mit mehr Spenden trotzdem noch viel bewirken könnten. Verglichen damit wäre Klimawandel vielleicht noch größer, ist dafür aber auch wesentlich schwieriger zu lösen und hat für mich eine weniger offensichtliche Notwendigkeit für zusätzliche Spenden. Tierwohl als letztes Beispiel hingegen scheint ebenfalls groß (aktuell leben wesentlich mehr Tiere in Massentierhaltung als es Menschen gibt), es gibt aber weniger klare Lösungsansätze als bei globaler Gesundheit aufgrund von wesentlich weniger Ressourcen, Spenden könnten also sehr helfen. 

Ich habe mich basierend auf diesen und ähnlichen Überlegungen ursprünglich für globale Gesundheit entschieden und spende mittlerweile auch an Organisationen, die sich gegen Massentierhaltung einsetzen. Ähnlich wie bei der Frage, wie viel ich spende, beschäftige ich mich auch hier einmal im Jahr intensiv mit der Frage, für welchen Zweck ich mich einsetzten will.

Zuletzt die Frage nach der Organisation innerhalb des Zwecks: Ähnlich wie beim Geldanlegen vertraue ich hier hauptsächlich auf die Meinung von Analysten. GiveWell beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, welche Organisation innerhalb von globaler Gesundheit die effektivste Arbeit macht. Wichtige Kriterien sind hier zum Beispiel wie groß der Effekt der Maßnahmen ist, wie wissenschaftlich fundiert dieser Effekt ist, und ob die Organisation die Maßnahme skalieren kann, also mit mehr Geld einen ähnlichen Effekt haben könnte.

Ich habe mich jedes Jahr mit den empfohlenen Organisationen beschäftigt und mich bisher immer für die Against Malaria Foundation (AMF) und GiveDirectly entschieden. Die AMF hat nachweisbar viel Erfolg mit dem Verteilen von Moskitonetzten gegen Malaria und konnte bisher immer skalieren. GiveDireclty geht auf die Gedanken vom Anfang diesen Artikels zurück und verteilt bedingungslos Geld an arme Menschen. Unabhängige Studien haben belegt, dass das sehr effizient ist. Zusätzlich kann das Konzept relativ einfach skaliert werden. Aktuell führt GiveDirectly eine Studie zu bedingungslosem Grundeinkommen durch, die ich auch politisch interessant finde, und deshalb umso mehr unterstützenswert finde.

Für meine Spenden zum Thema Tierwohl vertraue ich Animal Charity Evaluators, einer etwas jüngeren Organisation, die das gleiche Ziel wie GiveWell, nur eben für Tierwohl verfolgt. Hier habe ich mich gefreut, dass die deutsche Albert Schweizer Stiftung empfohlen wird, die auf mich schon lange den Eindruck einer wirkungsfokussierten Organisation gemacht hat. Am kosteneffektivsten im Tierwohl-Segment scheinen aktuell hauptsächlich Kampagnen mit großen Industrieherstellern zu sein, um zum Beispiel Käfigeier in Industrieprodukten zu vermeiden.

Zusammenfassend spende ich also an AMF, GiveDireclty, und an die Albert Schweizer Stiftung. Warum nicht stattdessen nur an eine Organisation, von der ich den Eindruck habe, dass sie insgesamt die beste ist? Hierbei geht es mir, wie schon beim „Spendenportfolio“ angedeutet, um die Minimierung von Risiken. Vielleicht sieht GiveDirectly gerade nach der besten Möglichkeit aus, um Leuten zu helfen, es könnte aber sein, dass morgen jemand einen Fehler in der Studie findet oder eine neue Studie zu anderen Schlüssen kommt. Weil ich ungern morgen aufwachen würde mit der Nachricht, dass die letzten 10.000 gespendeten Euro leider nichts gebracht haben, versuche ich „nicht alle Eier in einen Korb zu legen“ – auf Finanzdeutsch ein Portfolio aufzubauen. Auch wenn ich also zum Beispiel den Eindruck hätte, dass AMF etwas besser als GiveDirectly wäre, würde ich lieber einen Teil an beide spenden. Und auch wenn ich den Eindruck habe, dass mir globale Gesundheit aktuell wichtiger ist als Tierwohl, sind das zwei Themen die ich schwer zu vergleichen finde und die mir beide wichtig sind – ich spende also an beide. 

Zuletzt noch zu Emotionen: Ähnlich wie beim Geldanlegen versuche ich möglichst wenig nach Emotionen zu entscheiden, obwohl Mitgefühl natürlich hinter der grundsätzlichen Entscheidung steht, etwas zu tun. Das bedeutet, dass ich meine Entscheidungen nicht von Marketingständen mit mitleiderregenden Bildern und überzeugten Aktivisten leiten lasse, dafür aber auch nicht die positiven Emotionen von Spenden bekomme, die man vielleicht erwarten würde. Zum Beispiel spende ich normalerweise nicht bei emotionsgeladenen Katastrophen, weil das gespendete Geld meist zu spät für die direkte Nothilfe kommt und, verglichen mit anderen andauernden Katastrophen wie Malaria, weniger bewirkt. Wenn ich Organisationen miteinander vergleiche, fühlt sich das ähnlich mühsam an, wie das vergleichen von Geldanlage-Möglichkeiten für die Altersvorsorge und das Tätigen der Spenden-Überweisungen fühlt sich so neutral an, wie sich eben eine Überweisung anfühlt. Trotzdem erinnere ich mich manchmal an die Spenden, und dann ist da das gute Gefühl, nach bestem Wissen und Gewissen das Leben von vielen Menschen und Tieren verbessert zu haben.

 

Über das Spenden hinaus: Zeit und Geld

Von den vielen am Anfang des Artikels angerissenen Fragen habe ich mich hier nur mit einem Bereich beschäftigt: wie spende ich effektiv? Daneben bleiben natürlich noch viele andere Fragen, die sich hauptsächlich um meine Zeit drehen: Wo will ich arbeiten und wofür will ich mich neben der Arbeit einsetzen? Zum Glück lassen sich in diesem Fall Zeit und Geld relativ unabhängig voneinander betrachten: Wie ich mein Geld ausgebe hat erstmal wenig damit zu tun, wie ich meine Zeit einsetze. Für alle, die sich trotzdem dafür interessieren, ist https://80000hours.org/ ein guter Start.


[1] ↑Es könnte natürlich sein, dass zufriedenere Menschen einfach mehr Geld verdienen und nicht, dass reichere Menschen zufriedener sind, oder dass es einen dritten Faktor gibt, wie zum Beispiel Bildung oder Gesundheit, der Geld und Zufriedenheit gleichzeitig beeinflusst


Christoph Hartmann

Christoph arbeitet aktuell als Lead Data Scientist für CarePay daran, den Zugang zu Krankenversorgung in Kenia und Nigeria zu verbessern. Davor hat Christoph mehrere Jahre als Unternehmensberater gearbeitet, in Computational Neuroscience promoviert, und Cognitive Science studiert. Christoph kommt aus Münster, lebt in Amsterdam, und wird bald 30.