von Sebastian Schwiecker

Nicht zuletzt durch die Flutkatastrophe 2021 ist der Klimawandel präsenter denn je. Gemäß einer repräsentativen Umfrage gilt er in Deutschland als das drängendste Problem nach der Corona-Pandemie. Daher verwundert es nicht, dass viele Menschen versuchen einen Beitrag zu leisten um zumindest die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise zu verhindern. Immer mehr Menschen essen vegetarisch, vegan oder reduzieren ihren Fleischkonsum, viele fahren inzwischen lieber mit dem Zug in den Urlaub als ins Flugzeug zu steigen. Was aber auch immer beliebter wird: Die eigens verursachten CO2-Ausstöße einfach zu kompensieren. Zwei der hier führenden Anbieter, die gemeinnützigen Organisationen myclimate Deutschland und atmosfair, konnten ihre Spendeneinnahmen für CO2-Kompensationen 2019 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppeln.

Wir von effektiv-spenden.org stehen diesen Kompensationsspenden allerdings sehr kritisch gegenüber und haben uns bewusst entschieden, diese nicht zu empfehlen.

Basis für diese Kritik sind die folgenden Gründe:

 

Nicht ambitioniert!

Egal ob es nur um die Kompensation von Flugreisen oder sämtliche CO2-Emissionen geht, zu denen man kurzfristig beigetragen hat, der Anspruch scheint begrenzt. Im Vordergrund steht die Wiedergutmachung des zuvor angerichteten Schadens. Die Emissionen, welche in den letzten Jahrhunderten die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand geschaffen haben, bleiben in der Regel unberücksichtigt. Das heißt: Selbst im besten Fall ist man am Ende nur weniger mitschuld.

Im schlimmsten Fall nehmen Kompensationsspenden sogar die Form eines modernen Ablasshandels an, nämlich dann, wenn zum Beispiel eine Flugreise nur deshalb angetreten wird, weil die damit verbundenen CO2-Emission im Nachgang durch eine Spende kompensiert werden können.

Ein Fokus auf Kompensation kann also, wenn auch gut gemeint, zu einer Hemmschwelle für ambitionierteres Verhalten werden.

Wir wollen mehr. Wir glauben, dass jeder Mensch einen deutlich größeren Beitrag leisten kann, als lediglich die knapp zehn Tonnen CO2 zu kompensieren, für die man pro Jahr in Deutschland durchschnittlich verantwortlich ist.

 

Nicht kosteneffektiv!

Die meisten Initiativen zur Kompensation von CO2 berechnen für jede zu kompensierende Tonne mehr als 20 Euro – wenn man also 20 Euro spendet, soll dafür eine Tonne CO2 kompensiert werden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es sich dabei auch nur annähernd um die effektivste Möglichkeit zur Emissionseinsparung handelt.

Unabhängige Evaluierungen von Klimaschutzorganisationen zeigen: Wird Forschung gefördert oder politische Rahmenbedingungen verbessert, ist dies um ein Vielfaches kosteneffektiver als Maßnahmen, wie sie im Rahmen von CO2-Kompensation beworben werden. Aufgrund der potentiell großen Hebelwirkung ist dies selbst dann der Fall, wenn nicht alle Projekte ihre Ziele erreichen.

In das Pflanzen von Bäumen zu investieren mag attraktiver klingen als sich für eine progressive Gesetzgebung zur Eingrenzung des Methanausstoßes europäischer Öl- und Gasanlagen einzusetzen. Aber wenn letzteres mit jedem Euro bis zu 100-mal mehr für den Klimaschutz bewirkt, dann wird aus der kühl klingenden Kosten-Nutzen-Analyse ein moralischer Imperativ. Der Klimawandel ist einfach schon zu weit fortgeschritten, als dass wir es uns leisten können, nur auf Maßnahmen zu setzen, die gut fürs Klima und intuitiv sexy sind…

Die scheinbare Notwendigkeit, für potentielle Spenderinnen schon auf den ersten Blick sympathisch zu erscheinen, ist aus unserer Sicht aber nicht der einzige Grund für die mangelnde Kosteneffektivität von Kompensationsprojekten. Ein weiterer hat mit der internen Fundraisinglogik der vermittelnden Organisationen zu tun. Würde diese wie wir Klimaschutzinitiativen empfehlen, die laut Analysen führender Experten eine Tonne CO2 für deutlich weniger als einen Euro vermeiden, so könnte man viele Flüge schon für wenige Cents kompensieren. Bei derartig kleinen Spenden wäre es aber praktisch unmöglich die stets anfallenden Transaktionsgebühren der Banken oder Kreditkartenanbieter, geschweige den alle anderen anfallenden Gemeinkosten in ein nachvollziehbares Verhältnis zu setzen. Insofern steht sich das verlockend leicht zu kommunizierende Kompensationsargument selbst im Weg, wenn es darum geht möglichst effektive Klimaschutzspenden zu sammeln.

 

Wir haben uns bewusst für einen anderen Weg entschieden und sind der Meinung, dass man seine Spenden im Bereich Klimaschutz ganz auf die effektivsten Organisationen konzentrieren sollte, also auf solche, die nicht nur unabhängig geprüft, sondern denen auch im Vergleich zu anderen Initiativen eine herausragende Kosteneffektivität bescheinigt wurde. Dazu gehört die Clean Air Task Force. Diese setzt sich beispielsweise für die Regulierung von sogenannten Super-Schadstoffen ein, welche um ein vielfaches klimaschädlicher sind als CO2.

 

 

Eine andere Empfehlung ist die Organisation Carbon180, welche sich auf die Unterstützung natürlicher und technologiebasierter Maßnahmen konzentriert, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Ein im öffentlichen Diskurs verhältnismäßig vernachlässigter Bereich, dem der Weltklimarat (IPCC) jedoch enorme Wichtigkeit beimisst.

 

Weitere Hintergrundinformationen zu unserem Ansatz finden sich hier, alle Spendenempfehlungen hier.

Insbesondere bei Interesse eine größere Summe zu spenden, eventuell auch als Unternehmen, stehen wir gerne für eine individuelle Spendenberatung zur Verfügung und können gegebenenfalls auch Kontakte zu den empfohlenen Organisationen oder weiteren Expertinnen herstellen.


Sebastian Schwiecker

Ich bin Gründer und Geschäftsführer von effektiv-spenden.org. Wenn du Fragen oder Feedback zu dem Artikel hast schreib mir einfach eine E-Mail oder ruf mich unter 0176/23570281 an. Gerne kannst du auch eine kostenlose Spendenberatung vereinbaren.