von Sebastian Schwiecker

Die Spendenempfehlungen von effektiv-spenden.org beruhen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit auf den Erkenntnissen des Forschungsinstituts GiveWell, auf dessen Evaluierungsmethoden ich hier näher eingehen will (mehr zur Geschichte und Motivation von GiveWell findet sich hier).

Als erstes stellt sich natürlich die Frage, welche Organisationen GiveWell überhaupt in Betracht zieht. Bei weltweit mehreren Millionen gemeinnütziger Einrichtungen ist es schlicht unmöglich, alle detailliert zu prüfen. Ausgerichtet an den ursprünglichen Einschätzungen der Gründer, wo man mit seiner Spende möglichst viel erreichen kann, hat man sich anfänglich auf die Bereiche Entwicklungshilfe und Chancengleichheit in den USA konzentriert (GiveWell war damals in New York ansässig). Es hat jedoch nicht lange gedauert, bis erste Zweifel an diesem Vorgehen aufkamen. Bereits wenige Monate, nachdem GiveWell seine Arbeit aufgenommen hatte, deuteten erste Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass man für das Geld, welches notwendig ist, einem in New York lebenden Menschen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, in einem extrem armen Land in Afrika 25 Kinder vor dem Tod bewahre könnte.

Was das genaue Verhältnis betrifft, geht GiveWell heute von anderen Zahlen aus, aber die grundlegende Überzeugung, dass man für die gleiche Spende deutlich mehr Menschen in einem Entwicklungsland helfen kann als in einem Industrieland, bleibt. Aus diesem Grund hat man sich 2011 dafür entschieden, ausschließlich Hilfsorganisationen in diesem Tätigkeitsfeld zu untersuchen.

Doch auch zwischen einzelnen Maßnahmen innerhalb der Entwicklungshilfe gibt es große Unterschiede. Daher hat sich GiveWell hier weiter spezialisiert und verschiedene Schwerpunktprogramme identifiziert. Diesen sind folgende Eigenschaften gemein:

    1. Die Wirksamkeit des Ansatzes scheint durch hochqualitative wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt, wenn möglich im Rahmen von randomisierten kontrollierten Studien.
    2. Sie haben das Potential für herausragende Kosteneffektivität.

GiveWell legt hierbei großen Wert auf externe Analysen von akademischen Instituten. Diese sind besonders aussagekräftig, wenn es darum geht, ob ein Zusammenhang zwischen einem bestimmten Programm und der verbesserten Lebenssituation der Zielgruppe besteht. Der Wert von internen Evaluierungen, welche die implementierenden Organisationen selber durchführen, besteht aus Sicht von GiveWell eher darin, zu beurteilen, ob eine Maßnahme wie geplant umgesetzt wurde.

Insgesamt kommt GiveWell bei aktuell zehn der untersuchten Schwerpunktprogramme zu dem abschließenden Urteil, dass deren Wirksamkeit nachgewiesen ist und sie sich besonders kosteneffektiv umzusetzen lassen.

In einem nächsten Schritt wird dann nach einzelnen Organisationen gesucht, welche diese Programme auch umsetzen. Hierfür werden zum einen Steuerunterlagen, Datenbanken und Organisationslisten durchgegangen, zum anderen aber auf Empfehlungen reagiert. So ist es hier für jeden möglich, eine Hilfsorganisation vorzuschlagen. Diese muss keinesfalls in den USA ansässig sein. Mehrere der von GiveWell empfohlenen Organisationen haben ihren Sitz z.B. in England.

Alle Initiativen, die in die engere Auswahl gelangen, werden dann anhand der folgenden vier Kriterien bewertet:

Wirkungsnachweis

Die Wirksamkeit wurde durch rigorose wissenschaftliche Forschung nachgewiesen.

Kosteneffektivität

Die erzielte Wirkung steht in einem hervorragenden Verhältnis zu den anfallenden Kosten.

Wachstumspotenzial

Die Hilfsorganisationen können zusätzliche Mittel zeitnah effektiv einsetzen.

Transparenz

Die Hilfsorganisationen legen vorbildlich Rechenschaft ab.

GiveWell stellt dabei höhere Anforderungen als alle anderen uns bekannte Institutionen, die sich auf die Prüfung von gemeinnützigen Einrichtungen spezialisiert haben. Herzstück der Evaluierung ist das Kosteneffektivitätsmodell. In diesem unternimmt GiveWell den einmaligen und aus Sicht von effektiv-spenden.org erfolgreichen Versuch, die Effektivität von Hilfsorganisationen zu vergleichen, selbst wenn sie in verschiedenen Tätigkeitsfeldern aktiv sind. Beispielsweise von GiveDirectly, das Menschen, welche von weniger als einem Dollar am Tag leben, durch bedingungslose Geldtransfers hilft, die extreme Armut zu überwinden, und von der Against Malaria Foundation, welche in Risikogebieten Familien mit Moskitonetzen versorgt. Während die eine Organisation darauf abzielt, die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen, indem sie ihnen zusätzlichen Konsum ermöglicht, geht es der anderen vorrangig darum, den vorzeitigen Tod durch Malaria zu verhindern.

Wie soll man das vergleichen? Kann man das überhaupt vergleichen? Darf man das vergleichen?

Ich denke, die Antwort auf all diese Fragen ist Ja, denn de facto machen wir das längst oder handeln zumindest so, also würden wir das tun. Die Entscheidung an eine Organisation, die sich für obdachlose Menschen einsetzt, zu spenden, ist eine Entscheidung gegen eine Spende an eine Umweltschutzorganisation. Geld, das man Brot für die Welt  zukommen lässt, kann man nicht gleichzeitig an UNICEF spenden. In der Regel wird hier zwar kein bewusster Vergleich angestellt, aber das Ergebnis ist das gleiche. 

GiveWell und auch wir von effektiv-spenden.org teilen die Einschätzung, dass das von zahlreichen Zufällen geprägte Bauchgefühl ein denkbar schlechter Kompass ist, wenn es darum geht, aufzuzeigen, wo man mit seinem Engagement möglichst vielen Menschen helfen kann. Und nur darum geht es uns. Statt intuitiv auf implizite, aber auch sich selbst gegenüber oft nicht transparent gemachte Wertvorstellungen zu vertrauen, macht es aus unserer Sicht Sinn, seine Gedanken und Annahmen zu strukturieren. Nichts anderes macht GiveWell in seinem Kosteneffektivitätsmodell:

Zum großen Teil werden hier die Ergebnisse zahlreicher Studien und Evaluierungen in Formeln gegossen, oftmals angepasst an die individuellen Umständen, in denen die untersuchte Organisation arbeitet. 

Unter dem Reiter „Moral weights” findet man dann aber die zuvor erwähnten Wertvorstellungen nicht nur der Gründer, sondern des gesamten Forschungsteams von GiveWell. Ein Beispiel ist die subjektive Einschätzung, um ein Wievielfaches es besser ist, den Tod eines Kleinkindes zu verhindern als den Konsum eines in extremer Armut lebenden Menschen für ein Jahr zu verdoppeln. Die Werte schwanken hier von 20 bis 80, wobei einzelne Mitarbeiter ihre Angaben innerhalb der Tabelle erklären. So begründet Stephan Guyenet, der einer Verdopplung des Konsums einen verhältnismäßig hohen Wert beimisst seine Entscheidung wie folgt:

Meiner Meinung nach ist der Konsum in einkommensschwachen Regionen eine Angelegenheit von Leben und Tod. Zwanzig Jahre doppelter Konsum könnten selbst das Leben eines Kindes retten, sei es durch bessere Ernährung, Hygiene, medizinische Versorgung oder einer verringerten Chance, Opfer von Gewalt zu werden.

Für die weiteren Berechnungen wird dann der aus den Angaben von aktuell 13 Mitarbeiterinnen gewonnene Mittelwert verwendet. Dieser unterscheidet sich im Übrigen nicht signifikant von diesbezüglichen Einschätzungen internationaler Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation, die GiveWell als Orientierung ebenfalls aufführt. Für Menschen mit einem anderen Wertesystem besteht außerdem die Möglichkeit, eine Kopie des Modells zu erstellen und mit eigenen Einschätzungen zu füllen.  

Weitere Faktoren, die in die Kalkulation einfließen, sind Hebelwirkung („Leverage”) und Verdrängung („Funging”). Dabei geht es darum, inwiefern die Arbeit der Hilfsorganisationen dafür sorgt, dass z.B. durch Regierungen zusätzliche Mittel in die jeweiligen Maßnahmen fließen, oder inwieweit diese das bestehende Engagement anderer Akteure verdrängt. Letzteres senkt die Kosteneffektivität, da insgesamt weniger Geld in die Schwerpunktprogramme fließt, als die Organisation in diese investiert.

Bei dem Endergebnis der Kosteneffektivitätsberechnungen von GiveWell handelt es sich um eine Mischkalkulation. Dies liegt daran, dass Hilfsorganisationen wie die Against Malaria Foundation durch ihre Arbeit einerseits Menschen direkt vor dem Tod bewahrt, andererseits aber auch denen, die an der Krankheit nicht gestorben wären, ein besseres Leben ermöglicht. Beides berücksichtigt GiveWell wenn es von den „Kosten pro Ergebnis äquivalent zu: Vermeidung des Todes eines Individuums unter 5 Jahren spricht” („Cost per outcome as good as: averting the death of an individual under 5”).

Hierbei gibt es selbst unter den von GiveWell empfohlenen Organisationen große Unterschiede. Die Ergebnisse schwanken zwischen 638 Dollar für die Deworm the World Initiative und 12.298 Dollar für GiveDirectly. Es ist allerdings wichtig – und darauf weist GiveWell wiederholt hin –, diese Zahlen nicht als alleiniges Entscheidungskriterium zu nutzen. Zwar beruhen die Berechnungen auf jahrelanger Forschung und wurden wieder und wieder auch von externer Seite überprüft, aber trotzdem sind die Ergebnisse, nicht zuletzt aufgrund der eingeflossenen Wertvorstellungen, mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Daher beruhen weder die Spendenempfehlungen von GiveWell noch von effektiv-spenden.org ausschließlich auf diesen Berechnungen. Weitere Faktoren sind nachgewiesene Wirkung, Wachstumspotential und Transparenz. Obwohl alle von GiveWell und effektiv-spenden.org empfohlenen Organisationen auch in diesen Bereichen überzeugen, sticht GiveDirectly hier noch einmal hervor.

Insgesamt sind wir von der Arbeit von GiveWell extrem beeindruckt. Wir halten die grundlegende Herangehensweise für richtig und sind von der konkreten Umsetzung überzeugt. Durch die herausragende Transparenz der Organisation sowie aufgrund der Tatsache, dass wir ihre Arbeit schon seit 2007 verfolgen und seitdem wiederholt mit den Gründern und Mitarbeitern in Kontakt waren, glauben wir, uns eine fundierte Meinung bilden zu können. Zusätzlich haben wir mit den Vorständen verschiedener Stiftungen sowie zahlreichen weiteren Menschen im gemeinnützigen wie im privatwirtschaftlichen tätigen Bereich gesprochen, die mit GiveWell vertraut sind. Sie haben unseren Eindruck bestätigt. Aus diesem Grund bieten wir die Möglichkeit, auch aus Deutschland steuerbegünstigt an von GiveWell empfohlene Top-Organisationen zu spenden.


Sebastian Schwiecker

Ich bin Gründer und Geschäftsführer von effektiv-spenden.org. Wenn du Fragen oder Feedback zu dem Artikel hast schreib mir einfach eine E-Mail oder ruf mich unter 0176/23570281 an. Gerne kannst du auch eine kostenlose Spendenberatung vereinbaren.