Direkte Geldtransfers für extrem arme Menschen

GiveDirectly überweist Menschen, die in extremer Armut leben, Geld per Handy. Diese Geldtransfers sind an keinerlei Bedingungen geknüpft und die Empfänger müssen das Geld nicht zurückzahlen.

Familien können damit dringend benötigte Nahrungsmittel und Medikamente kaufen, Schulgebühren zahlen oder kleine Unternehmen gründen. Eine Fülle wissenschaftlicher Studien zeigt, dass bedingungslose Geldtransfers zuverlässig und nachhaltig Menschen helfen, die extreme Armut zu überwinden – im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Hilfsmaßnahmen.

Das Problem

Laut der Weltbank lebt weltweit jeder zehnte Mensch in extremer Armut, also von weniger als 1,90 Dollar am Tag.[1] Viele herkömmliche Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) orientieren sich zu wenig an den tatsächlichen Bedürfnissen dieser Menschen. So werden EZ-Programme häufig stärker von politischen Erwägungen (im Geber- wie Empfängerland) geprägt als von der Frage, wie man Menschen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln am wirksamsten helfen kann. Häufig verursacht klassische EZ auch hohe Kosten, da viele Mitarbeiter aus Geberländern beschäftigt werden, die vergleichsweise hohe Gehälter beanspruchen.

Die Lösung

Warum also nicht einfach auf den großen Hilfsapparat verzichten und stattdessen Menschen in extremer Armut direkt das Geld geben? Niemand kennt die Bedürfnisse armer Menschen besser als sie selbst.  Dank bedingungsloser Geldtransfers können Menschen selbstbestimmt entscheiden, was für ihr Leben am besten ist. GiveDirectly überweist Menschen, die in extremer Armut leben, das Äquivalent eines Jahreseinkommens. In Kenia entspricht das etwa 1.000 US-Dollar für einen Fünfpersonenhaushalt. Diese Geldtransfers sind äußerst effizient: Von den Spenden, die an GiveDirectly fließen, verwendet die Organisation nur 12 % für sämtliche administrative Zwecke, inklusive der Gehälter aller Mitarbeiter – ein außergewöhnlich niedriger Wert. 88% einer Spende gehen damit direkt an Menschen in Armut.[2] Weil das Geld über mobiles Banking auf die Handys der Menschen transferiert wird, ist es nahezu sicher vor Korruption. Außerdem ist dieser Ansatz stark skalierbar und kann theoretisch ohne großen Aufwand in viele andere Länder übertragen werden.

Die Wirkung

Geldtransfers sind in unterschiedlichen Ländern seit rund zwei Jahrzehnten im Einsatz und gelten mittlerweile als eine der am besten evaluierten Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit.  Ein Auswertung von 165 Studien zeigt, dass Geldtransfers erstaunlich zuverlässig sind und zu nachhaltigen Verbesserungen in einer Vielzahl von Bereichen führen (u. a. Bildung, Gesundheit, Sparquote).[3] Der Goldstandard wissenschaftlicher Untersuchungen, eine randomisiert-kontrollierte Studie, wies nach, dass sich GiveDirectlys Programm in Kenia positiv auf das körperliche und psychologische Wohlbefinden der Zahlungsempfänger auswirkt.[4] Bedingungslose Geldtransfers kamen in der Entwicklungszusammenarbeit lange Zeit nicht zum Einsatz, weil befürchtet wurde, dass die Empfänger das Geld für Alkohol, Drogen und Ähnliches ausgeben würden. Studien zeigen jedoch immer wieder, dass dies nicht der Fall ist.[5]

Die Organisation

Auf der Suche nach dem effektivsten Weg Armut zu bekämpfen gründeten Studenten der Universitäten Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology im Jahre 2009 GiveDirectly. Von Anfang wurde großer Wert darauf gelegt, dass die Projekte von wissenschaftlich begleitet und sorgfältig evaluiert werden. Seit Gründung ist die Organisation stark gewachsen und hat 2018 knapp 60 Millionen Dollar direkt an extrem arme Menschen ausgezahlt. Seit 2012 wird GiveDirectly von GiveWell als „Top-Hilfsorganisation“ empfohlen. Die Organisation zeichnet sich durch hohe Kosteneffektivität und herausragende Transparenz aus: Im GDLive Newsfeed berichten Empfänger freiwillig und ungefiltert von ihren Erfahrungen. Das Wachstumspotenzial ist enorm. Theoretisch könnte GiveDirectly in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen Dollar dafür einsetzen Menschen aus der extremen Armut zu befreien. Neben diesem direkten Beitrag zur Armutsbekämpfung soll auch struktureller Einfluss auf die „Hilfsindustrie“ genommen werden. So verglich GiveDirectly Mitgründer Jeremy Shapiro in einem Gastbeitrag für die Weltbank direkte Geldtransfers aufgrund ihrer geringen Kosten mit Indexfonds und sprach sich dafür aus sie als Maßstab für andere Projekte der Armutsbekämpfung einzusetzen.[6]

Fragen und Antworten

Wie entscheidet GiveDirectly, wer Geld erhält?

Das Ziel von GiveDirectly ist es die Ärmsten der Armen zu erreichen. Dafür werden zuerst besonders arme Regionen anhand offizieller Daten identifiziert. Dann stellen Mitarbeiter vor Ort den Gemeinden die Organisation sowie deren Ansatz vor. Im Anschluss werden einzelne Haushalte besucht um Details zu erklären, die Identitäten der Personen zu überprüfen und möglichem Betrug entgegenzuwirken. In der Regel endet der Prozess dann damit, dass alle Menschen die in der Region leben Geld von GiveDirectly erhalten.

Wie genau funktioniert der Geldtransfer?

GiveDirectly nutzt elektronische Zahlungsdienstleister für die Überweisungen: In Kenia ist dies M-Pesa, der mobile Geldtransferdienst des größten kenianischen Mobilfunkbetreibers. In Uganda kommt das Mobile Money System des dort führenden Telekommunikationsunternehmen des Landes zum Einsatz. Lokale GiveDirectly Mitarbeiter helfen den Menschen im Programm, sich bei ihrem Zahlungsdienstleister zu registrieren. Anschließend sendet GiveDirectly das Geld an das mobile Konto des Empfängers. Der Empfänger erhält eine SMS, sobald der Betrag eingegangen ist. Der Empfänger kann dann sein „mobiles Geld“ bei Tauschstellen gegen Bargeld eintauschen. Tauschstellen sind häufig lokale Händler und Kioske, können aber auch Tankstellen, Supermärkte, Internet-Cafés oder Banken sein.

Erhalten die Empfänger den Betrag als einmalige Summe oder aufgeteilt in kleineren Beträgen?

Der Betrag wird in mehreren Raten ausgezahlt. Dies ist der Ansatz, den die Mehrheit der Empfänger befürwortet. Während des Registrierungsprozesses werden die Empfänger genau darüber informiert, wieviel Geld sie wann erhalten werden.

Wie setzen die Empfänger das Geld ein?

Geldtransfers erlauben es den Menschen, das Geld für die Dinge auszugeben, die sie am dringendsten benötigen. Eine Evaluierung der Arbeit von Give Directly aus dem Jahr 2013 zeigt, dass die Menschen mit dem Geld beispielsweise Nutztiere, Medikamente oder Schulbücher kauften, es in regendichte Dächer investierten oder für größere Investitionen ansparten.[7] Im GDLive Newsfeed lässt sich ungefiltert und in Echtzeit verfolgen, was Empfänger mit ihrem Geld vorhaben.

Wie nachhaltig wirken Geldtransfers?

Geldtransfers sind der klarste Ausdruck des Prinzips „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Einkommen von Haushalten, die für eine Studie über bedingungslose Bargeldtransfers in Mexiko untersucht wurden, stiegen um das 1,5- bis 2,6-fache des transferierten Betrags – ein deutlicher Hinweis für die langfristige Wirkung der Geldtransfers.[8] Was Menschen in extremer Armut fehlt, um der Armut zu entkommen, sind nicht spezifische Fähigkeiten, sondern Geld.

Was halten staatliche Vertreter von GiveDirectly?

Die Voraussetzung für die Arbeit von GiveDirectly ist, dass die entsprechenden staatlichen Vertreter in den Regionen (Bürgermeister, Dorfälteste, Abgeordnete etc.) das Programm von GiveDirectly befürworten. GiveDirectly arbeitet stets in enger Abstimmung mit allen relevanten staatlichen Institutionen.

Wird der Geldbetrag an Frauen oder Männer ausgezahlt?

GiveDirectly überweist das Geld sowohl an Männer wie Frauen. Eine Studie zeigte, dass es kaum einen Unterschied machte, wer das Geld erhielt; beide Geschlechter gehen verantwortungsvoll mit dem Geld um. GiveDirectly lässt die Haushalte daher selbst entscheiden, welcher Erwachsene sich für das Programm einschreibt. Bisher sind etwas mehr als die Hälfte der Empfänger Frauen.

GiveDirectly in den Medien

Evaluierung von GiveWell

Zur Webseite von GiveDirectly

Quellen

[1] ↑ Poverty and Shared Prosperity 2016. Weltbank.http://www.worldbank.org/en/publication/poverty-and-shared-prosperity. 2016. [2] ↑ Operating Model. GiveDirectly.https://givedirectly.org/operating-model. [3] ↑ Francisca Bastagli et al. Cash transfers: what does the evidence say? A rigorous review of impacts and the role of design and implementation features. Overseas Development Institute.https://www.odi.org/publications/10505-cash-transfers-what-does-evidence-say-rigorous-review-impacts-and-role-design-and-implementation. Juli 2016. [4] ↑ Unconditional Cash Transfers: Investing Directly in Poor Families. Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL).https://www.povertyactionlab.org/scale-ups/unconditional-cash-transfers. [5] ↑ David Evans und Anna Popova. Cash Transfers and Temptation Goods: A Review of Global Evidence. World Bank Policy Research Working Paper 6886.http://documents.worldbank.org/curated/en/617631468001808739/Cash-transfers-and-temptation-goods-a-review-of-global-evidence. Mai 2014. [6] ↑ Jeremy Shapiro. More than money: How cash transfers can transform international development. Weltbank. http://blogs.worldbank.org/developmenttalk/more-money-how-cash-transfers-can-transform-international-development. 2014. [7] ↑ Johannes Haushofer und Jeremy Shapiro. Household Response to Income Changes: Evidence from an Unconditional Cash Transfer Program in Kenya.https://www.princeton.edu/~joha/publications/Haushofer_Shapiro_UCT_2013.pdf. 2013. [8] ↑ Elisabeth Sadoulet, Alain de Janvry und Benjamin Davis. Cash Transfer Programs with Income Multipliers: PROCAMPO in Mexico. World Development, 29 (6): 1043-1056. 2001.

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