von Sebastian Schwiecker

Was man der Marktwirtschaft zugestehen muss: Der ihr zugrundeliegende Wettbewerb ist für eine Vielfalt und eine Qualität an Produkten und Dienstleistungen verantwortlich, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Das ist nicht zuletzt damit zu erklären, dass die Anbieter eines Produktes oder einer Dienstleistung unmissverständliches Feedback ihrer Kunden bekommen. Wenn die Pizza nicht schmeckt, das Handy nicht gefällt oder die neuen Schuhe nicht überzeugen, werden Restaurant, Hersteller oder Marke künftig gemieden und generieren entsprechend weniger Umsatz. So kann es passieren, dass aus der einen Pizzeria mit der Zeit ein globales Unternehmen wird, während die andere bereits nach kurzer Zeit ihren Betrieb wieder einstellen muss.

Dies ist im gemeinnützigen Sektor ganz anders. Hier können sich Organisationen selbst dann am „Markt“ behaupten oder sogar wachsen, wenn sie das Leben ihrer Zielgruppe nur geringfügig oder gar nicht verbessern. Der Grund dafür ist ganz einfach: Der Empfänger der Hilfeleistung ist nicht derjenige, der dafür bezahlt. Oft wird diese nur deshalb in Anspruch genommen, weil sie kostenlos oder zumindest stark vergünstigt zur Verfügung gestellt wird. Die Inanspruchnahme kann dann aber natürlich nicht als Beweis dafür dienen, dass es sich um die im Verhältnis zu den Kosten bestmögliche Art und Weise handelt, das Leben des betroffenen Menschen zu verbessern.

In besonders extremen Fällen machen gut gemeinte Hilfsmaßnahmen das Leben der Menschen sogar schlechter. Ein Beispiel dafür ist die Organisation PlayPump International, die insbesondere in den 2000er Jahren für Aufmerksamkeit sorgte. Ihre Idee ist so einfach wie faszinierend: In sehr armen Regionen des ländlichen Afrikas ist es üblich, dass insbesondere Frauen Wasser mühsam mit Hilfe einer Handpumpe aus dem Erdreich holen. Dafür müsste es einen besseren Weg geben, dachte sich der Wasserwirtschaftsingenieur Ronnie Stuiver, und kam auf die Idee, dass Kinder mit Hilfe von Spielplatz-Drehkarussells das kostbare Nass quasi im Spiel an die Oberfläche holen könnten.

Für ein Fotoshooting posieren die Kinder gerne mit der PlayPump. Im Alltag wirkt sie jedoch weniger heiter. (Foto: mediamolecule / CC)

Durch die Integration einer Pumpe wird bei jeder Drehung des Karussells Wasser in einen Tank befördert. Diese Idee überzeugte auch den Marketingexperten Trevor Field, der das Patent kaufte, um das Konzept unter dem Namen PlayPump bekannt zu machen. Seinem Plan nach sollte das Projekt nicht nur Kindern in entlegenen Gebieten zusätzliche Spielmöglichkeiten bieten und deren Eltern von anstrengender und oft zeitaufwendiger Arbeit befreien, sondern sich durch die Anbringung von Werbung auch selbst finanzieren. What’s not to love?

Nachdem eine Zeit lang auch zahlreiche Prominente wie der AOL-Gründer Steve Case, der Rapper Jay-Z oder die damalige First Lady der Vereinigten Staaten Laura Bush für das Projekt warben, meldeten sich 2007 erstmals kritische Stimmen zu Wort. Experten hatten das Projekt evaluiert und kamen zu einem vernichtenden Urteil: Durch die integrierte Pumpe musste beim Spielen mit einer PlayPump deutlich mehr Kraft aufgewendet werden als bei herkömmlichen Karussellen, was den Kinder die Freude nahm. In einem Dorf führte das dazu, dass die Kinder für’s „Spielen“ bezahlt wurden. In anderen Dörfern mussten die Frauen die Karussells selber drehen, was als erschöpfend und erniedrigend empfunden wurden. Auf die Frage, was die Einwohner von den PlayPumps hielten, antworteten viele, dass sie sich die alten Handpumpen zurückwünschten. Mit diesen könne man bei weniger Anstrengung deutlich mehr Wasser fördern und sie seien auch weniger wartungsintensiv. Auch die Hoffnung, dass sich die PlayPumps durch das Anbringen von Werbung von selbst finanzieren, zerschlug sich. Die Dörfer, in denen die Pumpenkarusselle installiert wurden, waren schlicht zu arm, um von Unternehmen als interessante Zielgruppe angesehen zu werden.

Hätten die Dorfbewohner die PlayPumps selber bezahlen müssen, wäre die dahinter stehende Organisation schnell vom Markt verschwunden. Die Kosten standen nicht im Verhältnis zum de facto nicht vorhandenen Nutzen. Da aber nicht die eigentlichen Empfänger, sondern wohlhabende Menschen aus fernen Ländern die Finanzierung übernahmen, brauchte es viele Jahre und noch mehr Millionen, bis aus dem eklatanten Missverhältnis Konsequenzen gezogen wurden. In Ermangelung von echten Wirkungsanalysen und Untersuchungen zur Kosteneffektivität hatten sich die Spenderinnen– wie es in dem Sektor aufgrund mangelnder Alternativen oft der Fall ist – zu sehr auf eine gute Story und emotionale Bilder verlassen.

Emotionen sind ohne Zweifel die Basis jeder Entscheidung, zu helfen. Wenn es einem aber wirklich ernst ist, können sie nur der erste Schritt sein. Gerade wenn die Menschen, die man unterstützen möchte, am anderen Ende der Erde leben. Zu komplex sind die Zusammenhänge, zu unterschiedlich die individuellen Lebensumstände, als dass man einfach auf den „gesunden Menschenverstand“ vertrauen kann, wenn es darum geht, wie man mit seiner Spende möglichst viel Gutes tun kann.

Die Lösung kann realistischer Weise aber auch nicht darin bestehen, dass jede selber zur Expertin wird, Hilfsorganisationen tiefgehend untersucht und nach anschließendem Vergleich zu einer fundierten Entscheidung kommt, wo denn das eigene Geld am besten aufgehoben ist. In meiner Zeit bei der Evaluierungseinheit der KfW Entwicklungsbank habe ich selbst erlebt, wie schwer es ist, den Erfolg eines Projekt wirklich objektiv zu bewerten. Auch ein Besuch vor Ort ist keinesfalls ausreichend, um sich eine abschließende Meinung zu bilden, insbesondere, wenn man die Wirkung der Maßnahme nicht nur ins Verhältnis zu den Kosten setzen, sondern auch mit anderen vergleichen will.

Insofern sehe ich auch beim Spenden den besten Weg darin, das zu tun, was beim Kauf von z.B. Unterhaltungselektronik oder Autos schon lange gang und gäbe ist, nämlich den Rat unabhängiger Experten hinzuzuziehen. Leider gibt es in Deutschland bisher niemanden, der die Wirkung von Spendenorganisationen miteinander vergleicht. International ist das aber anders. Daher haben wir von effektiv-spenden.org es uns zur Aufgabe gemacht, diese Untersuchungen nicht nur in Deutschland bekannt zu machen und die wichtigsten Ergebnisse zu übersetzen, sondern auch die Möglichkeit zu bieten, direkt und steuerbegünstigt an die empfohlenen Organisationen zu spenden. Selbstverständlich sind wir dabei komplett unabhängig und erhalten keinerlei Vergütung dieser Organisationen oder der Forschungseinrichtungen, auf die wir uns beziehen.


Sebastian Schwiecker

Ich bin Gründer und Geschäftsführer von effektiv-spenden.org. Wenn du Fragen oder Feedback zu dem Artikel hast schreib mir einfach eine E-Mail oder ruf mich unter 0176/23570281 an. Gerne kannst du auch eine kostenlose Spendenberatung vereinbaren.